Leibesglied und Bibel

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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Ein Artikel aus dem Werk Pfarrer T. Böhmerles (1870 - 1927) über "die Gemeinde" (bei Pfr. Böhmerle "Gemeine"). Verfasst 1926-1927.


In den biblischen Betrachtungen "der Gemeinde" - die da ist sein Leib Eph 1:23 ging es Pfarrer Böhmerle um verschiedene Perspektiven, welche uns die Bibel über das Verhältnis eines Kindes Gottes als Glied am Leib Christi zu unterschiedlichen Themen zeichnet.

Die Glieder der Gemeinde und die Bibel

  • Mt 4:4.7.10.11 Es steht geschrieben..., wiederum steht geschrieben...; es steht geschrieben... Da verließ Ihn der Teufel.


Die Stellung des Menschen zur Bibel hängt von dem inneren religiösen Stande des Menschen ab. So viel göttliches Licht einer hat, so viel versteht er und liebt er die Bibel. Und je mehr einer durch die Bibel selbst innerlich befruchtet wor­den ist, um so höher schätzt er sie, um so klarer erkennt er sie. Ein jeder hat zur Bibel eine wachstümliche Stellung nach dem göttlichen Wachstum seines in­wendigen Menschen. Werde ich mehr in Gott, so wird mir auch die Bibel mehr. Die Stellung zur Bi­bel ist auf allen Stufen eine Glaubensstellung. Die Bibel als Trägerin der ewigen Gottesoffenbarun­gen kann nur durch Glauben in Wahrheit erfasst werden, wie alle göttlichen Dinge. An der Stellung zur Bibel kann man den geistlichen Stand eines Menschen beurteilen. Darum kann es keine ver­pflichtende Lehre über die Inspiration der Bibel geben. – Die Inspiration verstehen nur Inspirierte, das heißt Geistgeborene, und sie verstehen dieselbe nach dem Maße ihres geistlichen Wachs­tums. Es kann ja eine Kirchengemeinschaft auch eine Lehre von der Heiligen Schrift übermitteln. Und viele autoritätsgläubige Menschen werden diese Lehre auch gehorsamsmäßig übernehmen. Sie haben einen Se­gen davon, wie aller göttliche Gehorsam seinen Segen bringt. Aber dieses nach dem Herkommen übernommene Schrift­wissen hat nur geringen Wert, es muss zu Geist und Leben werden. Lebendiges Bibelwissen, lebendige Bibelerkenntnis und Bibellehre haben nur die vom göttlichen Leben Ergriffenen, ein jeglicher in seiner Art und Stufe.

Menschliche Zugangswege zum Wort?

Ist ein Mensch dem Ich-Wesen und dem Welt- und Diesseitsleben zugewandt, so ist ihm die Bibel völlig gleichgültig. Ist einer gar dem Sündenleben des Fleisches oder des Geistes zugerichtet, so ist ihm die Bibel lächerlich, Gegenstand sei­nes Spottes, ja Hasses. Ist jemand ein braver Geset­zesmensch und hat eine gewisse überlieferte Meinung von der Bi­bel, so ist sie ihm ein Gesetzbuch mit hoch verehrenden Anschauungen und mit guten Regeln fürs Leben. Es gibt sehr viele solche Seelen. Dem wissenschaftlichen, natürlichen Menschen ist die Bibel ein Gegenstand seines wissenschaftli­chen Forschens. Er rückt ihr mit den philosophischen Begriffen und Anschauungen seiner Zeit auf den Leib. Er zerlegt sie, untersucht sie, tut sie bald in dieses, bald in jenes wissenschaftliche Fach, tut ab von ihr, was er für kindisch hält, behält von ihr, was er für wissenschaftlich hält. Von diesen Wissenschaftlern hat schließlich jeder einen anderen Stumpf und Strunk von der Bibel in der Hand. Aber dieser Stumpf und Strunk erscheint ihnen groß, weil sie ihn selber herausgeschnitzt haben, und weil er Resultat der vergötterten Wissenschaft ist. Hierher gehört eine Menge Theologen, die ja alle Philosophie studiert ha­ben, und denen, solange sie natürliche Menschen sind, Philosophie höher zu sein scheint, als Offenbarung. Manche die­ser Weisen betrachten die Bibel historisch, an­dere religiös-philosophisch, andere sittlich, ethisch. Immer aber ist und bleibt der Mensch Meister der Schrift.

Welche Stellung habe ich zur Bibel?

Sowie die Bibel geistliche und ewige Worte übermitteln darf, wird sie Stück für Stück, Schritt für Schritt göttlich. Wie vie­len Menschen ist die Bibel ein göttliches Trostbuch. Sie haben aus den und jenen Sprüchen, in den und jenen Lagen des Lebens Trost, Licht und Kraft empfangen. Nun ist sie ihnen ein Trost-, Licht- und Kraftbuch, nach dem sie auch in schweren Lagen greifen. Anderen ist sie ein Lehrbuch guter Wege. Sie haben schon manchen guten Wink und Rat aus ihr bekommen. Vieles in ihr ist ihnen göttliche Wahrheit. Die nehmen und suchen sie aus ihr. Vieles lassen sie liegen, das ist veraltet und passt nicht mehr. Vieles aber ist bleibend gut, das nehmen sie, und in dieser Linie schätzen sie die Bibel. Teilweise stellen sich diese Geister unter die Schrift, teilweise über sie. Von der ganzen Bibel als Gottes Wort haben alle diese Menschen noch keine Ahnung, vor allem kein lebendi­ges Licht. Sie lesen darum auch die Bibel nur je und je, Lebensbuch ist sie noch nicht. Ein schöner Auszug aus ihr ge­nügt ihnen auch. Es gibt auch Menschen, denen die Bibel hochheilige, göttliche Offenbarung ist, aber ihre Stellung zur Schrift ist mehr eine solche des Aberglaubens als des freien Glaubens. Sie missbrauchen die Schrift und machen sie zu einem Wahrsagebuch für ihr Leben und für den Lauf der künftigen Dinge im Persönlichen und Allgemeinen. Sie gehor­chen der Bibel mit einer abergläubischen Angst, weil sie meinen, den träfen Gerichte und Schläge, der ihr nicht folgte. Das ist eine sklavische, abergläubische Ich-Stellung.

Christus ist Herz, Inhalt und Ziel der Bibel

Die rechte Stellung zur Schrift beginnt erst mit dem neuen Leben. Wenn wir durchs Wort des Lebens zur Erkenntnis von Sünde und Verdammnis gekommen sind, und wenn uns in diesen Tiefen der eingeborene Sohn, der Heiland, aufgegangen ist, dann fängt uns Bibellicht an zu scheinen. Derselbe Heilige Geist, welcher uns durchs Bibelwort über uns selbst und über Christus erleuchtet, der erleuchtet uns auch über die Bi­bel. Christus ist eben der Kern der Schrift. Christus ist der Schlüssel der Schrift. Die ganze Schrift von 1.Mose 1 bis Of­fenbarung 22 treibt Christus. Wer in seine Erkenntnis eingegangen ist, der hat die Zentraler­kenntnis ergriffen. Hier öffnet sich das Herz der Schrift, hier sehen wir den durch alles sich hindurchziehenden roten Faden. Wo auch nur die Anfänge der neuen Geburt zur Wahrheit werden, da wird die Bibel zu Got­tes Wort. Wer das ewige Leben in Gericht und Gnade aus dem Worte der Schrift erlebt hat, dem ist sie auch das ewige Lebensbuch. Und wunderbar, nicht nur die­ser oder jener Spruch, der einem vielleicht sonderlich gedient hat, wird ein ewiger Lebensspruch, sondern die ganze Bi­bel steht auf einmal als ewiges Gotteswort da. Es ist eine Glaubensdurchleuchtung, die hier geschieht.

Es gilt der ganzen Bibel zu glauben

Wenn Menschen nur erweckt und erleuchtet oder bekehrt sind, haben sie nur Teildurchblicke. Sie reden auch von Gottes Wort, aber sie haben doch nur von einzelnen Teilen einen Wort-Gottes- Eindruck, viele Stellen lassen sie einfach liegen. Diese Geister leben gewöhnlich von gewissen Teilen der Bi­bel, die ihnen Gottes Wort sind, und um derentwillen sie auch die ganze Bi­bel als Gottes Wort neh­men, aber der lebendige Durchblick durchs Ganze fehlt ihnen noch. Erweckte, Erleuchtete und Be­kehrte sind eben unselbständig. Sie beschäftigen sich gewöhnlich viel weniger selbst mit der Bibel, als dass sie sich von anderen lehren lassen. Da hören sie dann meistens nur von gewissen Teilen der Bibel, immer wieder von den glei­chen. Diese sind ihnen dann Gottes Wort, aber alles andere liegt ihnen im Dunkel.

Ganz anders ist das bei der neuen Geburt. Da tritt der einfältig im Herrn stehenden Seele die Ge­samtbibel ins Licht. Sie sieht durch, wie von 1.Mose 1 bis Offenbarung 22 eine göttliche Offenba­rungslinie geht. Sie sieht die Bibel als einen Gottbaum. Sie sieht den Heiland schon auf der ersten Seite der Schrift, wie in der Mitte und am Ende. Sie sieht den Ein­geborenen in Seinem göttlichen Wachstum und sieht, wie die Schrift Ihn trägt. Es ist ein großartiges Wiedergeburtserleb­nis, die ganze Bibel als Gottes Wort zu sehen.

Alles Historische, alles Menschliche, alles Schwierige, alles äußerlich Unstimmige, alles, was zu Fragen Anlass gibt und geben könnte, tritt weit, weit zurück, ja verschwindet ganz hinter der einen, alles überstrahlenden Wahrheit von der gött­lichen Einheit der Bibel in dem einen Herrn. Wir haben noch nie ein Kind Gottes gesehen, das nicht von der Göttlichkeit der Schrift lebensmäßig durchdrungen gewesen wäre. Man kann das nicht lehren; man kann es auch niemand aufzwin­gen, man kann es nicht zeigen noch zeichnen, – man kann's bezeugen, und dies Zeugnis kann angenommen oder ver­worfen werden. Den Kindern Gottes steht die ausschließliche Göttlichkeit der Schrift fest wie ein Fels. So sehen wir alle Propheten stehen, so sehen wir den Heiland stehen, so sehen wir alle Apostel in ihren Schriften stehen: "Es steht ge­schrieben", "der Geist spricht", "Gott spricht und sagt". Das ist ihnen selbstverständlich. Das ist eine Art Zentralschau ins Wort, welche mit der neuen Geburt verbunden ist.

Erkennen ist wachstümlich

Es ist natürlich nicht so, als ob ein solcher Neugeborener die ganze Bibel verstünde. Es ist nicht so, als ob er jede Stelle und Ecke aus Gottes Wort im Erleben ausweisen könnte. Der wie­dergeborene Glaube sieht auch hier stückweise. Gliedmäßige Zusammenhänge offenbaren sich von Stufe zu Stufe. Aber der Generalzusammenhang ist klar. Ein Kind Gottes hat in dieser Hinsicht eine Generalschau, nach welcher ihm die Göttlichkeit des Ganzen offenbar und klar ist. Und besonders seinen Heiland sucht es überall, und in Ihm liegt die Klarheit. Es geht bei allen göttlichen Dingen vom Ganzen ins Einzelne, nicht vom Einzelnen ins Ganze. Der Anfang ist bei Gott überall ganz und wächst sich aus. Der neugeborene Mensch hat darum auch ein wirkliches Lebensinteresse an der ganzen Bibel. Das Kind Gottes forscht und sucht. Das Kind Gottes will mehr, will über das gewöhnliche Maß hinaus. Und es will, je mehr es wächst, immer mehr.

Ein wachsendes Kind Gottes, das Gott in Christo näher kommt, sieht klarer und klarer die einzelnen Glieder des Bibellei­bes, die einzelnen Zweige des Bibelbaumes. Man sieht je länger, je deutlicher die Schrift als einen gewaltigen Geistesor­ganismus mit überreicher Gliederung. Das geschieht aber alles wachstümlich. Die Bibel wird dem Glaubensmenschen immer größer. Da kommt zunächst der Blick in die verschiedenen Haushaltungen Gottes. Je mehr das Glaubensleben wächst, erkennt man den eigenartigen Stand des Kindes Gottes und des Leibes Christi. Man sieht die davon deutlich un­terschiedenen Äonen oder Gotteshaushaltungen. Man tut einen Blick in die Gotteshaushaltung der Neuschöpfung auf dem Gebiete der Natur (1Mo 1:2). Man sieht hinein in die Haushaltung Adams vor dem Fall, in die Haushaltung des Falles, in die Haushaltung der Gesamtwelt bis zum Turmbau zu Babel, in die Haushaltung der auserwählten Väter, in die Haushaltung des Schattengesetzes, in die Haushaltung des Füllegesetzes, in die Vollendung mit ihren Stufen. Man er­kennt, wie jede Haushaltung ihre eigenen Hausordnungen hat, und wie sie in bestimmten biblischen Büchern beschrie­ben sind. Dieser Einblick in den göttlichen Organismus der Bibel geht von Stufe zu Stufe. Der Kreis derer, die solches er­kennen, wird von Stufe zu Stufe kleiner. Eine große Schar bleibt bei einer gewissen Blockansicht stehen, man könnte fast sagen, sie sehen die Bibel als einen einzigen großen Klotz. Dahin gehören alle nur Bekehrten, aber auch träge Kin­der Gottes. Wo Wachstum und Leben ist, öffnen sich immer mehr neue Blicke.

Perspektivisch das Prophetische deuten

Mit dem Einblick in das Gliedliche der Bibel kommt dann auch die Klarheit über das Perspektivische. Man merkt, dass die ferner liegenden Äonen in der Schrift nach dem Maße ihrer Entfernung kürzer und kürzer hervortreten, die näheren Gottzeitalter breiter und breiter. Am breitesten erscheinen Schattengesetz, Füllegesetz und Gemeine. Die geistlichen Gesetze sind die gleichen wie die natürlichen, nur auf höherer Stufe. Wir sehen im Natürlichen alles perspektivisch, das heißt in zunehmender Verkürzung bei zunehmender Entfernung. Genauso sieht das geistgeöffnete innere Auge die gött­lichen Dinge in der Bibel. Mit der zunehmenden Erkenntnis des geistlichen Charakters der Äonen wächst dann der Blick in die biblischen Bücher, wie sie jedem Äon zugehören. Nach dem eben genannten Gesetz der Perspektive haben die fernsten Äonen nur kurzen Raum in der Bibel. Die ganze eigentliche Schöpfung aller Welten hat nur einen Vers: 1Mo 1:1. Die eigentlichen Ur­schöpfungen liegen außerhalb jeder Erfahrung der jetzigen Weltenbewohner. Wir leben in einer ganz anderen Welt und in ganz anderen Welten, als die Urschöpfung war.

Auch der Äon des eigentlichen Unfalls Satans mit seinen entsetzlichen Folgen ist nur perspektivisch kurz gezeichnet: 1Mo 1:2. Die anhebende Neuschöpfung, welche schon mehr zu uns überleitet, hat bereits eineinhalb Kapitel: 1.Mose 1 und 2 im Anfang. Ebensoviel hat der Äon der allmählich sich steigernden Sündenfälle, wo es vom Fall zur Übertretung geht: 1.Mose 2 Schluss und 3, wenn man will 4. Hier tritt das Gesetz der Sünde und des Todes in Kraft.

Alter Bund, Israel und Nationen

Dann kommt der Äon der aufs Ganze gerichteten Rettung, welche aber um der Verstocktheit der Menschen willen immer zu Gerichten führt. Dieser Äon geht bis zu Kapitel 11. Wir sehen, die Offenbarungen werden breiter und breiter. Nach dem Turmbaugericht kommt die Auswahl der Väter – der Ur-Väter-Äon. Der umfasst den ganzen Rest des ersten Mose­buches. Dann tritt der Schattengesetz-Äon ein. Das jüdische Volk, errettet und unter das Gesetz getan, wird erzogen für seinen Beruf unter den Nationen, Jünger des Königreichs Christi zu sein! Dieser Äon, der nach seiner Fluchseite jetzt noch läuft, der also ganz in unser Gesichtsfeld tritt, ist sehr breit ausgeführt. Ihm gehören alle Geschichtsbücher, Lehrbü­cher und prophetischen Bücher des Alten Testamentes an. Hier ist alles geschichtlich, auch das prophetische Wort ist geschichtlich und in die Geschichtsgänge hineingebunden. Das Judenvolk ist eben eine geschichtliche Nation und hat seinen Beruf in den Nationen und für die Nationen. Nach diesem Äon des Schattengesetzes kommt das Zeitalter des er­füllten, oder besser gesagt, sich erfüllenden Gesetzes. Die drei Evangelien, die auch geschichtlich sind – während das vierte geistlich ist –, führen uns ein in diesen sich anbahnenden Äon des Füllegesetzes oder des sich auswirkenden Kö­nigreichs Christi. Sie zeigen uns aber auch, wie durch den Unglauben des jüdischen Volkes das Königreich nicht zum Durchbruch kommen konnte. In den Gleichnissen, in diesem Hüllenwort, zeigt der Heiland den Gang des Königreichs durch die Verwerfungszeiten hindurch bis zum Ziele.

Die Apostelgeschichte – auch Geschichte, darum zum Königreich gehörend – zeigt den herrlichen Anbruch des König­reichs, aber auch seine Unterbrechung, und führt hinüber zur Gemeinde. Die Apostelgeschichte ist ein Übergangsbuch. Die Geschichte der Hinausführung des Königreichs nach vollendetem Äon der Gemeine zeigt dann die Offenbarung des Johannes. Sie ist, abgesehen von den ersten drei Gemeinde-Kapiteln, auch ein Königreichsbuch. Sie steht auf jüdischem Erfüllungsboden und lässt die Nationen im Lichte von Zion wandeln. So gehören dem Äon des erfüllten Gesetzes oder des Königreichs die drei ersten Evangelien, Teile der Apostelgeschichte und Offenbarung Johannes Kapitel 4 – 22 an.

Zeit der Gemeinde

In der Zeit des Gesetzes und des Fluches wird die Gemeinde herausgebildet und vollendet. Von der Erhöhung des Herrn an bis zu Seiner Ankunft unter den vollendeten Gläubigen ist ihre eigentliche Bildungszeit. Natürlich gehört die Gemeinde Menschen aller Zeiten an, aber herauskommen können sie erst nach erfolgter Versöhnung und nach der Auferstehung des Erstgeborenen vor alle Kreatur. Dieser Gemeinde gehört das Geistes-Evangelium des Johannes, das Geburts-Evan­gelium, das Evangelium des "in Ihm". Dieser Geistes-Gemeinde gehören die Briefe an. Die Paulusbriefe sind für den Na­tionenteil, ausgenommen der Hebräerbrief, welcher ja deutlich an die Hebräer adressiert ist. Der Hebräerbrief, die Pe­trusbriefe, der Jakobus- und Judasbrief gehören den Gläubigen aus den Juden zu. Darum ist ihnen auch mehr gesetzli­cher Charakter eingeprägt. Die Johannesbriefe sind Einheitsbriefe, sie umfassen die ganze Gemeinde aus Juden und Na­tionen, wie das auch die Kronenbriefe des Apostels Paulus, Epheser- und Kolosserbrief tun. Die Gemeinde hat nur Briefe, auch in der Offenbarung die sieben Briefe, die Sendschreiben, welche den äußeren Gang der Gemeinde offenbaren.

Die Gemeinde hat keine Geschichtsbücher, ist nicht historisch, sie ist durch und durch persönlich. Sie wird herausgeholt in dem Geschichtsverlauf und aus dem Geschichtsverlauf und läuft als freie Geist-Gemeinde durch denselben hindurch. Die großen geschichtlichen Kirchen sind religiös-gesetzliche Vorbereitungskörper für das antichristliche wie für das Tau­sendjährige Reich. So sieht die wiedergeborene Gemeinde ihre Bibel, ihr Gotteswort an. Sie sieht sie als wunderbaren Geistesglieder-Organismus. In den Gemeinde-Äon sind dann die letzten Äonen nach dem Endgericht, mit welchem der Königreichs-Äon endet, nämlich die Gottzeitalter der Wiederherstellung von allem, perspektivisch kurz hineinverwoben. Die Gemeindebriefe sind voll von der Wahrheit der Verklärung aller Dinge. In den anderen Äonenschriften darf man die­sen Äon nicht suchen. In diese Wahrheit sehen nur die mit dem Sohne verbundenen Söhne. Der Königreichs-Äon endet mit dem Gericht, darum gehen die Königreichsschriften, darum geht auch der Heiland in den Königreichsschriften nicht weiter, als bis zu diesem Gericht. Man darf keiner Klasse mehr zumuten, als sie ertragen kann.

Die Schriften für die Gemeinde sind nun also vor allem das Evangelium des Johannes und seine Briefe und dann die Briefe des Apostels Paulus, die hauptsächlich uns Nationen- Erstlingen gelten. Es gehört uns natürlich alles – die ganze Bibel. Wir müssen sie aber äonenmäßig gliedlich verstehen. Wir müssen sie geistlich lesen. Wir dürfen nicht Züge ande­rer Gottzeitalter einfach auf die Gemeinde übertragen. Es will alles geistlich gerichtet sein. Das ist dem Geistesmenschen nicht schwer.

Bibellesen mit Hilfe des Heiligen Geistes

Wir müssen nur recht ernstlich den Heiligen Geist erflehen, so wird er uns wachstümlich in alle Wahrheit führen (Joh 16:13). Wenn zwar fromme, aber ungeistliche, das heißt unwiedergeborene Menschen die Bibel wie einen Block ge­brauchen und aus allen Gottzeitaltern ohne Geistesscheidung Wahrheiten zusammentragen, dann entstehen die größ­ten Verwirrungen. Die einzelnen Gottzeitalter werden durcheinandergeworfen, und es entsteht ein Gemisch. Darunter leiden die meisten religiösen Gebilde. Da gilt es, sich recht geistesmäßig hineinzuleben in die paulinischen Gemeinde-Li­nien, dann ergibt sich von da aus schon das immer klarere Urteil in den anderen Zeitaltern. So sieht das gereifte und rei­fende Gotteskind seine Bibel als wahrhaftiges, vollgültiges, durchgängiges Gotteswort. Es sieht aber dies Gotteswort als einen feingegliederten Geistesbau. Es sieht verschiedene Gottzeitalter sich da entfalten, ein jedes in eigenartigen Gott­gesetzen. Es freut sich der Mannigfaltigkeit des Rates seines Gottes und doch wieder seiner wunderbaren Einheit. Es bewegt sich ein Gotteskind vorwiegend in seinem Haushalt und ergreift die Geistes-Lebenslinie der Gemeinde. Es ergeht sich aber auch in allen Haushaltungen und erquickt sich an dem Geistesmäßigen in ihnen. Alle Schrift, von Gott einge­geben, ist dem Kinde Gottes nütze, sie wird aber erst nütze in der Weisheit des Geistes.

Auswirkungen des geistlichen Wachstums auf die Stellung zur Bibel

Jetzt ist die Bibel wie ein Gottesparadies, wie ein Lustgarten des Herrn. Jetzt wird sie ein Lebensbuch und hat für jede religiöse Lebensstufe ihre Wahrheit und ihre Linien. Jetzt gibt sie Weisheit für die draußen und die drinnen.

So lebt ein Gotteskind in seiner Bibel und aus seiner Bibel. Die Bibel wird ihm Schritt für Schritt das Ausschließlichere. Immer mehr Bücher der Menschen schmecken und munden nicht mehr. Das Bibelwort ist das gefüllteste Lebenswort. Da kann nichts heran. Da kann das Beste nur Hinführung, Einführung sein. Der Glaube will Bibel selbst. Dadurch wächst er dann aus der Bibel in die Bibel hinein. Das Wort Gottes gehört in die große Einheit hinein: "Sie in Mir und Ich in ihnen, gleichwie Du, Vater, in Mir und Ich in Dir" (Joh 17:21-23). "Ich habe ihnen gegeben Dein Wort, und sie haben es angenommen" (Joh 17:8). Der Geistesträger "Wort" ist das verbindende Element.

So hat der Geistliche eine Wortliebe. Immer grandioser wird ihm das sich in sich selbst zusammenschließende Gottes­werk. 1.Mose 1 und Offenbarung 22 laufen ineinander hinein wie ein Ring und ein Kreis. Und der Eine ist drin, der A und O. Gott schenke uns immer mehr Leben und Licht aus der Bibel; das gibt dann immer mehr Leben und Licht für die Bi­bel.

Der Eine heißt das Wort (Johannes 1,14). Er ist sein Ursprung, sein Inhalt und sein Ziel. Möchten wir Ihm ähnlich, immer mehr "Wort" werden. Wo das Leben Wort und das Wort Leben ist, da ist Inspiration nicht Frage, sondern Besitz: das in­spirierte Wort inspiriert uns.

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